| Rede von Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann zum Thema Bologna-Reform in der Plenarsitzung des Hessischen Landtags am 9. Dezember 2009 (Pressemitteilung 189/2009) |
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ES GILT DAS GESPROCHENE WORT! Zum Ende der Zeit, in der die Bologna-Reform abgeschlossen sein sollte, wird die Kritik an ihr lauter. Und sie hört sich gelegentlich so an, als könnte und wollte man diesen Prozess aufhalten oder gar umkehren. Um es also gleich zu Beginn klar zu sagen: Es gibt keinen Weg zurück hinter die Bologna-Reform, an der mittlerweile 46 Länder von Albanien bis Norwegen, von Frankreich bis Russland beteiligt sind. Was es aber geben muss und auch geben wird, sind Korrekturen an den Stellen, an denen Kritik berechtigt ist. Wir sollten uns davor hüten, die Zeit vor den Reformen zu verklären. Wer heute über angeblich fehlende Freiheit im Studium klagt, sollte nicht vergessen, dass früher überlange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten doch zu den Standardthemen in der bildungspolitischen Diskussion gehörten, von fehlender internationaler Akzeptanz in der Lehre ganz zu schweigen. Der Bedarf an akademisch Qualifizierten steigt in einer zunehmend komplexeren Lebens- und Arbeitswelt. Genauso wächst die Notwendigkeit, das Studiensystem nicht weiterhin ausschließlich auf den künftigen Wissenschaftler, sondern stärker auch auf die Bedürfnisse der beruflichen Praxis auszurichten. Beide Aspekte machen eine Reform unabdingbar. Der Wissenschaftsrat hat bereits vor zehn Jahren festgestellt, dass die Zunahme der Studierendenzahl die Hochschullandschaft verändert hat und daher andere Formen des Studierens möglich seien müssen. Der Bologna-Prozess eröffnete dann neben der großen internationalen Perspektive die Möglichkeit, Abschlüsse mit einer gegenüber dem Diplom verkürzten Regelstudienzeit einzurichten. Absolventen können damit früher in den Beruf gelangen, zumal nicht alle eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollen. Die Fachhochschulen wurden in diesem Prozess ein Erfolgsmodell mit Ausstrahlung auf das Ausland, weil sie diese Aspekte bereits zum Leitbild ihrer Entwicklung gemacht hatten. Die Lösung kam letztendlich durch die Bologna-Reform, die aufgrund der Zweistufigkeit der Studienangebote die Wahl zwischen einem kürzeren oder ein längeren Studium ermöglicht und darüber hinaus auch die Chance auf eine spätere Studienfortsetzung nach einer Phase der Berufstätigkeit einräumt. Die Ziele der Reform - Flexibilität in der persönlichen Studiengestaltung, Strukturierung des Lehrstoffes und verbesserte Mobilität - haben den Hochschulen bei der Umsetzung viel abverlangt. Nicht überall wurden die notwendigen Reformschritte entschlossen genug angepackt und umgesetzt. Viele Akteure in den Hochschulen haben sich mit dieser Entwicklung nicht ausreichend auseinandergesetzt und eher „die anderen machen lassen". Hier sehe ich einen wesentlichen Grund für die Proteste, die sich nun an den Hochschulen erheben. Dabei habe ich gelegentlich den Eindruck, manche Hochschullehrer hoffen auf eine Art „roll back" und damit auf Verhältnisse, in denen nur fünf Prozent eines Jahrgangs sich an der Hochschule eingeschrieben haben. Daher wiederhole ich: Es gibt keine Rückkehr in den Elfenbeinturm. Die Studierenden sind in ihrer Mehrheit meiner Meinung nach auch nicht grundsätzlich gegen die Bologna-Reformen. Sie verlangen aber zu Recht, beispielsweise nicht durch zu strikte Regelungen in der Abfolge der einzelnen Studienleistungen und zu große Stofffülle überfordert zu werden. An dieser Stelle besteht absolut Handlungsbedarf. Mein Haus ist in diesem Reformprozess selbstverständlich ein verlässlicher Partner der Hochschulen und unterstützt den Reform-Prozess. So begleiten wir seit drei Jahren mit dem Studienstrukturprogramm die Entwicklung neuer Bachelor- und neuer Masterstudiengänge sowie die Zusammenarbeit zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Das Programm, in das jährlich 2,6 Millionen Euro fließen, bietet die Möglichkeit, mit hochschulspezifischen Qualitätssicherungssystemen die Einführung der Bologna-Reform voranzubringen. Die Hochschulen haben diese Mittel unter anderem für den Aufbau der Weiterbildung genutzt. Sieben Universitäten und Fachhochschulen haben sich darüber hinaus 2007 im „Hessischen Kooperationsprojekt Bologna" zusammengeschlossen. Das von meinem Haus unterstützte Projekt bietet den Beteiligten die Möglichkeit, spezielle Bologna-Prozesse mit Hilfe von Best-Practice-Beispielen zu optimieren und den gemeinsamen Austausch intensiv zu nutzen. A propos Geld: Die Hochschulen erhalten vom Land jährlich 92 Millionen Euro für die Qualitätssicherung der Lehre - das sind die Kompensationsmittel für die abgeschafften Studienbeiträge. Diese Mittel stehen ihnen zum eigenverantwortlichen Einsatz für die Verbesserung der Struktur von Studium und Lehre zur Verfügung. Die Reformen sind freilich nicht allein in Geld zu bemessen. Daher sind die Hochschulen und das Wissenschaftsministerium längst im Gespräch darüber, in welchen Bereichen vordringlich Veränderungen vorgenommen werden sollen. Dazu gehört die Verringerung der Anzahl von Prüfungen, die verbesserte Anerkennung von Prüfungsleistungen zwischen den Hochschulen bei einem fachbezogenen Studienortwechsel, die stärkere Unterstützung der Prüfungsverwaltung in den Hochschulen. Hessen hat sich frühzeitig dafür entschieden, eine erfolgreiche Akkreditierung durch unabhängige Agenturen zur Voraussetzung für die Einführung eines neuen Studiengangs zu machen. Das ist richtig, und es ist ein Qualitätsmerkmal. Allerdings müssen die Akkreditierungsagenturen stärker darauf achten, dass die Studiengänge studierbar bleiben und nicht fachlich überfrachtet werden. Ich plädiere dafür, die bisherigen Reformschritte rational und vernünftig zu prüfen und Korrekturen, wo nötig, pragmatisch anzugehen. Wir sind gefordert, die Handelnden in den Hochschulen an ihre Verantwortung für eine hochwertige Ausbildung der jungen Menschen zu erinnern und die Studierenden hinsichtlich der aufgetretenen, aber durchaus vermeidbaren Schwierigkeiten rasch zu entlasten. Diese haben allerdings auch eine eigene Verantwortung für ihren akademischen Weg. In diesem Zusammenhang habe ich in meinem Haus einen elektronischen „Kummerkasten" für Studierende und Lehrende einrichten lassen: Ab sofort können sie unter der Adresse Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. Sorgen und Schwierigkeiten in Bezug auf Studium und Lehre hinterlegen. Ich werde diese Hinweise in die laufenden Gespräche mit den Universitäten, Fach- und Kunsthochschulen aufnehmen. Im Rahmen der Autonomie der Hochschulen werde ich aber den Hochschulen nicht vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen haben. Das Wissenschaftsministerium nimmt seine Aufgabe im Bologna-Prozess sowohl gegenüber den Hochschulen als auch in den zuständigen länderübergreifenden Gremien mit vollem Einsatz wahr. Insofern halte ich nichts davon, einen „Runden Tisch" einzurichten, der das Verfahren nur unnötig verzögern würde. Der Korrekturbedarf kommt aus den Hochschulen. Mit ihnen gemeinsam wird das Wissenschaftsministerium Vereinbarungen über die weiter zu entwickelnden Vorgaben der Bologna-Reform schließen und diese dann zur Grundlage weiterer Akkreditierungen und Reakkreditierungen machen. Bei diesem Prozess ist niemand ausgeschlossen; auch hier werden die Studierenden Möglichkeiten haben, ihre Vorschläge einzubringen. Dabei zeichnet sich als ein erstes Ergebnis die Tendenz ab, die Zahl der Prüfungen zu reduzieren, die Anerkennungspraxis zwischen Hochschulen zu vereinfachen und die Übergänge zwischen Bachelor und Master flexibler zu gestalten. Der eingeschlagene Weg wird also mit Augenmaß und Beharrlichkeit fortgesetzt. |